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Maltherapie: Die heile Welt auf einem Stück Papier

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Foto: Michael AndrusioMaltherapie mit Flüchtlingskinder

Wie man im Waldviertel Flüchtlingskindern hilft, ihre Traumata zu verarbeiten.

Ein großes M soll es werden. M wie Maryam, so heißt das junge Mädchen aus Afghanistan nämlich. Sie sitzt im Garten des Pfarrhofs von Heidenreichstein, so wie sieben andere Flüchtlingskinder an diesem Nachmittag. Sie nehmen an einer Malgruppe teil.


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Wenn das M fertig ist, kommt noch Glitzerstaub drüber. Der ist derzeit ziemlich angesagt bei den Kindern. Oft steckt aber mehr dahinter, weiß die Psychologin und Initiatorin der Maltherapie, Manuela Dumendzic. Gerade solche Stilmittel wie "Glitzer" stehen oft für die heile Welt, die man sich wünscht, erklärt sie. Die Psychologin arbeitet in ihrem Job mit Maltherapie und weiß, wie man Bilder "lesen" kann.

 
 

DSC_4921i.jpgFoto: Michael AndrusioBei Schönwetter wird draußen gemalt, rechts hinten Manuela Dumendzic

Schöne-Welt-Bilder sind oft eine Kompensation dafür, was einem fehlt, erklärt Dumendzic. Mit dem Verein helpinghearts versucht sie Kindern aus Krisengebieten zu helfen, ihre Kriegstraumata zu verarbeiten. Für Manuela Dumendzic, die den Malkurs vergangenes Jahr nach einem Besuch im Flüchtlingslager in Traiskirchen ins Leben gerufen hat, ist vor allem wichtig, dass die Kinder ein soziales Netzwerk und eine Beschäftigung haben. Für sie persönlich ist es eine Herzensangelegenheit und auch die Kinder, die meisten sind rund um 10 Jahre alt, kommen gern in den Pfarrhof. Einmal pro Woche trifft man sich zum Malen (und einmal pro Woche ist wenig, sagt sie).

Auch ein Regenbogen oder ein Herz ist oft symbolisch für die heile Welt, nach der man sich sehnt. So wie es Hala aus Syrien gerade malt, die mit ihren drei Geschwistern nach Heidenreichstein gekommen ist. Unter dem Herz steht ein Name. Wir fragen, was er bedeutet. "Schwester von Mutter" sagt sie, das Wort Tante kennt sie noch nicht, obwohl viele Kinder schon gut Deutsch sprechen. Die Tante ist in Syrien und man telefoniert regelmäßig mit ihr. Aber allein die Farbe, in der der Name geschrieben wurde, kann bedeuten, dass man sich um sie Sorgen macht. Aber, erklärt Dumendzic, man muss sehr behutsam und vorsichtig mit der Interpretation von Farben und Maltechniken sein. So wie sie hier auch keine echte Therapie machen kann. "Für eine richtige Maltherapie müsste man die Kinder in Einzelgesprächen haben, aber das geht hier nicht“. Es gibt schon einige in der Gruppe, wo sie denkt, dass eine Therapie angebracht wäre.

Mitmachen muss hier niemand, die Kinder kommen auf freiwilliger Basis. Bei den meisten ist es so, dass sie mit ihren Eltern kommen. Und während die Kinder malen, lernen die Erwachsenen drinnen im Pfarrhof Deutsch. Alle Betreuer, so wie Dumendzic, arbeiten ehrenamtlich. Einige der Jüngeren aus der Gruppe haben gute Argumente, dass sie nicht mitmalen. „Wir bekommen schon einen Bart“, sagt einer der Burschen. Klar, da setzt man sich nicht mehr mit jungen Mädchen zum Malen hin, sondern befasst sich mit Fußball oder dem Smartphone.

DSC_4943i.jpgFoto: Michael Andrusio

Die Kinder kommen alle aus Heidenreichstein und Umgebung. Einige kommen mit dem Fahrrad, andere zu Fuß.

Diejenigen, die malen, können pinseln oder zeichnen, was sie wollen und womit sie wollen. Themenvorgabe gibt es keine. Manuela Dumendzic spricht mit ihnen auch nicht über das Erlebte. Traumata sind sehr heikel, Kinder können in Zustände geraten, die klinisch werden können, erklärt sie. „Explizite“ Darstellungen von Krieg, Zerstörung und Verwundung malen die Kinder ihrer Gruppe aber nicht. Aber Kinder haben ihre Traumata, sagt die Psychologin.

Mittlerweile hat der kleine Omid eine Osterratsche aufgestöbert. Welche Bewandtnis es mit dem Gerät hat, weiß er noch nicht genau, aber er weiß, dass es mit dem Osterhasen zu tun hat, damit Radau gemacht werden kann und es die bösen Geister vertreibt. Mit der Bitte, die bösen Geister woanders zu  erschrecken, wird er freundlich wegkomplementiert. Störungen können die Kinder nicht gebrauchen. „Die Kinder sind sehr konzentriert in dem, was sie tun“, sagt Dumendzic. „Auch wenn vor allem die Erwachsenen das gar nicht realisieren.“

DSC_4907i.jpgFoto: Michael Andrusio

Die kleine Schwester von Hala zerknüllt gerade ihr Bild und wirft es in den Mistkübel. „Wäre das Kind in einer echten Maltherapie, wäre das jetzt sehr interessant für mich“, sagt  Dumendzic. „Was hat sie gemalt, was hat ihr nicht gefallen oder hat ihr Unbehagen bereitet.“  Was die Kinder malen, kommt aus dem Unterbewusstsein, entsprechend interessant ist das aus psychologischer Sicht.

Eigentlich hätte sie auch gern österreichische Kinder dabei gehabt, aber das ergibt sich irgendwie nicht, fügt sie leicht enttäuscht hinzu.

DSC_4913i.jpgFoto: Michael Andrusio

Das Bild von Maryam ist mittlerweile fertig. Wo das glitzernde M hängen soll, weiß sie auch schon: im Büro.

Die Initiative von healpinghearts ist auf Spenden angewiesen. Man freut sich über finanzielle Hilfe und auch über Sachspenden.

Spendenkonto Verein HelpingheARTs:

Raiffeisenbank

IBAN: AT02 3212 7000 0001 9588

BIC  RLNWATW1127 

Internet: www.helpinghearts.at